Siegobert Hartmann: Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Obere Str. 19, 78050 Villingen-Schwenningen - Termine unter Telefon: 07721-4019222

Wer sich nicht betäubt und die Augen verschließt wird erkennen: Wir leben in einer Zeit der Zuspitzung und Krise. Die Probleme scheinen immer schneller immer größer zu werden. Die Komplexität der Aufgaben und Anforderungen an jeden Einzeln, sowie an die Gesellschaft als Ganzes, scheint stetig zuzunehmen. Die regulierenden Faktoren und die Kompensationsmechanismen des Gesamtsystems, scheinen zunehmend überlastet und drohen zu dekompensieren. Wann diese Zuspitzung in vielen Bereichen zu einem sich gegenseitig verstärkenden Zusammenbruch einzelner Systembereiche, zu einem Zusammenbruch des ganzen Systems führt, scheint nur noch eine Frage der Zeit. Daraus erwächst ein zunehmender Druck auf jeden Einzeln im Gesamtsystem, den drohenden Kollaps des Systems, aufzuhalten. Gerade diejenigen, die sich den Tatsachen nicht verschließen, sind immer mehr mit der Frage konfrontiert: Wie kann ich leben, ohne zu der Verschlimmerung der Situation weiterhin beizutragen oder sogar an Lösungen mitarbeiten, ohne anderseits meine nötige Fürsorge für mich selbst aufzugeben und zu vernachlässigen, um nicht selbst krank innerhalb des kranken Systems zu werden?

Wir müssen eine Lebenshaltung finden, die unserer Situation als Mensch gerecht wird und uns und unser Lebenssystem in dem wir leben gesund erhält. Dazu gehört nicht nur die Frage unseres persönlichen Lebens und unseres Überlebens auf der Erde. Wenn wir uns als transzendentes Wesen begreifen, suchen wir auch nach einer Lebenshaltung die unsere spirituelle Dimension mit einschließt.

Heinrich E. Benedikt vergleicht die menschliche Seele mit einem Baum mit Wurzeln, Stamm und Krone und beschreibt dabei drei unterschiedliche Lebenshaltungen.
 
Zitat: Die übliche Haltung eines Menschen ist die des „Habenwollens“ oder der Erdverhaftung. Sie besteht in einer starken Verhaftung an die äußere Welt, gründend auf der Illusion, irdischer Besitz, äußere Anerkennung, weltlicher Wohlstand, Sinnesfreuden und Macht seien Quelle und Fundament von Lebensglück und Erfüllung – eine Haltung, in der uns Welt, Erde, Natur, Mitmenschen, ja sogar unsere eigenen inneren Kräfte und Fähigkeiten allein als Objekte der Ausbeutung dienen, um durch ihre Anhäufung oder Ausnutzung unsere innere Leere zu verdecken. Diese bricht jedoch irgendwann, sicherlich im Augenblick des Sterbens, auf und liegt dann wie ein gähnender Abgrund vor uns.
Die zweite Haltung ist ein weltabgewandter Idealismus, der meint ohne Erschließung der Erd- und Ichkräfte des Menschen allein vom Lichte leben zu können.
Gleicht das eine einem Klammern an der Erde ohne Entfaltung der Krone, so führt das andere als Leben ohne Wurzeln wiederum nur zu Scheinblüten, die mangels gesunden Lebenssaftes früher oder später austrocknen und verwelken werden.
Erst wenn wir weder am irdischen haften, um als Sklaven unserer Sinne Umwelt, Menschen und die eigene Seele auszubeuten, noch in Absonderung aus dem Leben in abgehoben-idealistischer,  das heißt selbstsüchtig-arroganter Weise nach dem Lichte greifen, um es für uns zu behalten, sondern nach dem Lichte und dem Geiste Gottes verlangen, um es durch unseren Leib hindurch in der Welt auszugießen, erst dann werden wir unserer Bestimmung als Mensch gerecht. Nur wenn wir aus dem Geist schöpfen und uns so , durchflossen von innerem Leben, mit all unseren Fähigkeiten, Anlagen und Kräften in selbstloser Liebe und wahrhaftiger innerer Anteilnahme dem Leben um uns sowie den Menschen und Dingen, die uns umgeben, zuwenden, nur dann werden wir von jener Fülle des Geistes erfasst, von göttlichen Licht durchflossen, dass sich inmitten dieses Flusses unser gesamtes Wesen läutert, verwandelt und verklärt. Zitat Ende

Diese Beschreibung gibt meiner Meinung nach einige wichtige Punkte wieder, denen ich auch in meiner täglichen therapeutischen Arbeit immer wieder begegne. Sowohl was die Krankheit des Einzeln als auch was die Gesundheit des ganzen Systems anbetrifft, spielt die erwähnte erste Haltung eine große Rolle. Wenn „uns Welt, Erde, Natur, Mitmenschen, ja sogar unsere eigenen inneren Kräfte und Fähigkeiten allein als Objekte der Ausbeutung dienen, um durch ihre Anhäufung oder Ausnutzung unsere innere Leere zu verdecken,“ nehmen wir unweigerlich selbst seelischen Schaden und aus unserer Handlung und unserem Nichthandeln resultiert der selbstzerrstörerische Prozess, dessen katastrophalen Ergebnisse wir immer mehr ausgesetzt sind und aus dem im Sinne einer negativen Rückkopplung, dieser selbstzerrstörerische Umgang mit sich und der Mitwelt noch verstärkt wird. Je mehr wir wahrnehmen wie egoistisch Andere sind, umso egoistischer drohen wir selbst zu werden. Je größer unser Angst angesichts der zunehmenden Verschlechterung der Lage wird, umso blinder folgen wir reflexhaft dem Geist des „Habenwollens“, bzw. „Habenmüssens“. Die Menschen, die dies zunehmend verstehen, wenden sich dem spirituellen Bereich zu. Nur allzu oft dient aber auch die Spiritualität, letztlich nur als Mittel, die innere Leere zu verdrängen, dient die Spiritualität nur als weiteres Beruhigungsmittel angesichts der Bedrohungen. „Ohne Erschließung der Erd- und Ichkräfte des Menschen ( wollen diese Menschen ) allein vom Lichte leben“, und wollen dabei allzu oft eine gesunde eigene Ich- bzw. Persönlichkeits- Entwicklung überspringen und gleich erleuchtet werden, um damit auch gleich alles Leiden, was mit der eigenen Lebenssituation verbunden ist, los zu werden. Dieser Versuch birgt die Gefahr, dass wir uns dann zu wenig um unsere tatsächlichen Probleme kümmern und unseren Alltag mit seinen Herausforderungen mehr und mehr vernachlässigen, geschweige denn, dass wir uns um die Probleme des Planeten und der Gesellschaft kümmern. Hierzu gehören auch all jene Versuche nur mit einer „spirituellen Therapie“ Heilung zu finden. Noch problematischer wird es, wenn wir die Spiritualität, nur dazu verwenden wollen, damit wir die erste Lebenshaltung des „Habenwollens“ im Sinne eines spirituellen Materialismuses noch perfektionieren. Groß in Mode sind ja zu Zeit Versuche der magischen Wunscherfüllung. Gerade hier werden wir aufgefordert uns selbst zu funktionalisieren, um auf magische Weise unser Leben wunschgemäß zu gestalten. Die Buchhandlungen sind voll von Büchern, die uns damit ködern, dass Sie uns erfolgreicher machen, wenn wir nur in der geforderten Weise Denken und Fühlen und sind. Dies halte ich geradezu für eine Perversion der Spiritualität. Nach wie vor geht es nur um uns und was gefordert wird um Erfolg zu haben ist letztlich eine Aufgabe des „wahren Selbst“! Die ganzen Erfolgsrezepte führen nur dazu, dass wir unser eigenes wahres Selbst instrumentalisieren. Mich erinnert das sehr an den bekannten Pakt mit dem Teufel, der unsere Seele kostet.
Erst wenn wir weder am irdischen haften, um als Sklaven unserer Sinne Umwelt, Menschen und die eigene Seele auszubeuten, noch in Absonderung aus dem Leben in abgehoben-idealistischer,  das heißt selbstsüchtig-arroganter Weise nach dem Lichte greifen, um es für uns zu behalten, sondern nach dem Lichte und dem Geiste Gottes verlangen, um es durch unseren Leib hindurch in der Welt auszugießen, erst dann werden wir unserer Bestimmung als Mensch gerecht.
Auch, wenn ich mich persönlich hier in der Wortwahl etwas anders ausdrücken würde, finde ich, dass das Zitat die „gesunde ausgewogene Lebenshaltung“, die sowohl für uns selbst als auch für den Lebensraum in dem wir leben, heilbringend ist, gut wieder gibt. Gerade in der Auseinandersetzung mit der Welt und im Durchleben unserer Konflikte und Leiden, liegt unser spiritueller Weg. Er führt zu einem  durchlebenden Erkennen und Verstehen. Um dieser Auseinandersetzung gerecht werden zu können, brauchen wir eine Lebenshaltung in der wir unsere gesunden „Erd- und Ichkräfte“ mit dem Ziel spiritueller Entwicklung in Einklang bringen können. Aus diesem Grund ist auch oft eine Psychotherapie in der Hemmungen und Konflikte bearbeitet werden, eine wichtiger und notwendiger Schritt, für eine weitere spirituelle Entwicklung.

Menü schließen