Siegobert Hartmann: Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Obere Str. 19, 78050 Villingen-Schwenningen - Termine unter Telefon: 07721-4019222

Einigen meiner Patienten empfehle ich parallel zur Therapie, eine bestimmte Meditationstechnik zu erlernen um die Therapie und ihre Gesundung zu unterstützen. Ich will hier daher etwas begründen warum und auch einige Unklarheiten bezüglich den Vorstellungen was genau Meditation eigentlich ist, beseitigen.

Um die Verwirrung bezüglich des Meditationsbegriffs etwas aufzulösen, halte ich es für das Beste, die Sache von hinten, vom Ziel her, zu betrachten. Meditieren bedeutet für mich, eine Korrekturbewegung innerhalb unseres verwirrten Geistes auszuführen, die unsere Verwirrung über uns selbst auflöst und uns unser wahres Wesen, erkennen und erfahren lässt. Unsere Aufmerksamkeit muss daher letztlich auf unsere wahre Natur ausgerichtet werden. Das ist leichter gesagt als getan. Denn wir sind ja verwirrt und kennen unsere wahre Natur nicht. Viele Meditationstechniken beginnen daher zunächst damit, den verwirrten Geist, der von Objekt zu Objekt springt und sich dauernd in neuen Geschichten verliert, zu beruhigen und den Geist auf ein einziges Objekt zu fokussieren. Mit etwas Übung erkennt der Meditierende dann mit der Zeit zunächst das volle Ausmaß seiner Verwirrung indem er seine dauernd wechselnden Gedanken und Emotionen wahrnimmt und beobachtet und dabei immer wieder zum frei gewählten einen Meditationsobjekt zurückkehrt. Bei vielen Meditationstechniken ist das der Atem. Bei anderen Techniken ist es ein „heiliges Wort“, ein Mantra, oder ein äußeres Objekt z.B eine Blume, oder ein anderer Gegenstand. Bei der Vipassana-Meditation ist es die jeweilige Empfindung im Aufmerksamkeitsfokus, der über den eigenen Körper wandert.

Ich habe viele dieser Meditationstechniken selbst ausprobiert und die zuletzt genannte Vipassana-Meditation über Jahrzehnte praktiziert und großen persönlichen Nutzen daraus gezogen. Sie reinigt unser „Karma“, schärft unseren Geist, führt zu Einsichten, Klarheit und vor allem zu Gleichmut. Das Problem mit der Vipassana-Meditation ist allerdings, dass sie auf subtile Weise immer noch auf ein geistiges Objekt ausgerichtet ist. Selbst wenn es schließlich das Beobachten der Auflösung diese Objektes bedeutet. Ich will das hier nicht weiter ausführen.

Wenn es das Ziel der Meditation ist, sein wahres Selbst, sein wahres Wesen, oder wie man auch sagt, seine wahre Natur zu erkennen, dann muss unser Bewusstsein paradoxer weise auf etwas ausgerichtet werden, was letztlich kein Objekt ist und dennoch nicht Nichts ist. Wer das schon mal erfahren hat, der weiß, dass das eigene wahre Selbst, kein Objekt, kein Ding ist und nicht in der Art und weise existierend ist, wie wir es von den inneren und äußeren Objekten her kennen, die wir in uns oder außerhalb von uns, als Objekte identifizieren.

Die Meditationstechnik die Tenzin Wangyal Rinpoche in seinem Buch „ Die drei Tore zur Gelassenheit“ (Org. Titel: Awakening of the Luminous Mind) berücksichtigt diese Tatsache. Bei dieser Technik wird der Geist direkt auf die Nichtobjekthaftigkeit des eigenen Wesens ausgerichtet. Auf die „Leerheit“ und dem „Gewahrsein dieser Leerheit“, die letztlich Eins sind.

Statt unseren Geist auf Objekte auszurichten, die sich irgendwann in die Leerheit auflösen, richten wir uns direkt auf die immer bereits vorhandene Leerheit in der die Objekte erscheinen, direkt aus. Das hat den großen Vorteil, dass wir nicht passiv warten müssen bis sich beobachtende Objekte auflösen sindern uns willentlich direkt auf unser wahres Selbst ausrichten können. Obwohl dieses wahre Selbst, unser wahres Sein, immer vorhanden ist, auch in unserer Verwirrung, nehmen wir es meist nicht wahr. Unser Bewusstsein hat leider die Angewohnheit sich immer auf Objekte hin zu fokussieren. Wir richten unsere Aufmerksamkeit nicht auf die Stille und Weite aus, sondern wenden uns immer dem Bereich unseres Bewusstseins zu wo „etwas los ist“. Wir sind es gewohnt unser Bewusstsein, dauernd nach Problemen und Unstimmigkeiten oder auch Erkenntnissen abzuscannen, haften dann schnell an einer Leidensgeschichte, die wir immer weiter ausgestalten und dramatisieren. Oder wir verlieren uns in Hoffnungen und Träumen über die Zukunft. Die Leere hingegen erscheint uns uninteressant, langweilig und macht manchen sogar Angst. Stille und Leere erscheinen unserm Bewusstsein uninteressant. Hier gibt es nichts zu holen, nichts zu gewinnen. Hier findet unser Ego, unser „Schmerzkörper“ keine Nahrung. Der Begriff des „Schmerzkörpers“ umfasst, das mit einem bestimmten Beobachter verbundene, letztlich immer leidvolle Welterleben. Er beschreibt sowohl das individuelle Leiden, als auch das ganze Netzwerk des Leidens, das durch die Resonanz der individuellen Schmerzkörper entsteht. Dazu in einem späteren Artikel mehr.

Wenn unsere Leidensgeschichten überhand nehmen suchen wir Hilfe und wenden uns vielleicht an einen Psychotherapeuten. Obwohl es sehr fruchtbar sein kann seine Leidensgeschichte besser zu verstehen und vor allem den Leidenden genauer zu untersuchen und ihn im erneuten Durcherleben erneut zu erkennen und aufzulösen oder zu verändern, fehlt in vielen Therapien, das was Tenzin „Das Erleben der Problemabwesenheit“ nennt, das Ruhen in Stille, Weite und Leerheit. Auch wenn sich die Psychotherapie weiterhin auf das tiefenpsychologische Erkennen des „Schmerzkörpers“ konzentriert, indem sie Unbewusstes bewusst macht, kann das Kultivieren der Problemabwesenheit abseits der Therapie in der Meditation für viele Menschen, die schwer traumatisiert in tiefen Leidensgeschichten verstrickt sind, eine echte tiefe innere Ressource werden. Das Ruhen im Raum der Leerheit, jenseits aller Geschichten, hat eine tiefe heilende Kraft, da jeder Mensch in ihr eine innere stabile „Zuflucht“ finden kann, die unabhängig von äußeren Gegebenheiten ist. Aus dieser Erfahrung der Leerheit, die nicht leer sondern voll ist, da aus ihr viele positive Qualitäten hervorgehen, erwachsen ein von Objekten unabhängiges Selbstvertrauen, zunehmende Angstfreiheit und Liebe. Das Problem dabei ist, dass obwohl gerade traumatisierte Patienten durch das Entdecken dieser inneren Zuflucht sehr profitieren können, durch die anfängliche Begegnung mit der Leere, die Reaktivierung von traumatischen Erfahrungen getrickert werden kann. Dann kann es zu Dissozationen oder gar psychotischen Reaktionen kommen! Diese Patienten benötigen zunächst eine Stärkung ihrer Ichstruktur, bis Sie entdecken können, dass die Leere garnicht leer ist! Für die meisten Patienten ist die Meditation jedoch ungefährlich. Neben den eher spirituellen Wirkungen fördert die Meditation, die Konzentrations- und Introspektionsfähigkeit und unterstützt auf diese Weise die Therapie. Das ist auch in wissenschaftlichen Studien bestätigt. (Z.B. Zunahme der grauen Substanz im Präfrontalen Cortex)

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